Die Gefühle laufen mit
Meine zweite Wandertour im Alleingang geplant für 2 Tage startete diesmal in Oberwesel am Rhein und sollte mich nach einer Übernachtung in Bacharach am nächsten Tag zurück bis vor die Haustür bringen.
Die erste Strecke über den Rheinburgenweg von circa 12 Kilometer sollte ein Einstieg für die zweite Etappe von knapp 40km sein.
Diese Tour war Anlass mich dieses Jahr zur TheMay50k Challenge anzumelden, um Spenden für die Multiple Sklerose-Forschung zu sammeln. Ich bin wahnsinnig überwältigt, wie viele liebe Menschen mich nun schon dabei unterstützen im Mai mein Ziel von 100km zu erreichen. Und ich war voller Vorfreude, jeden davon auf meinem Weg in Gedanken dabei zu haben.
Zum Start in Oberwesel bescherte mir das Wetter angenehme 23 Grad und Sonnenschein. Und so war ich motiviert meinen einzigen Gefährten, mein Rucksack Floki, mit knapp 13kg nun zu unserer Unterkunft zu tragen.
Man stellt sich das Wandern am Rhein friedlich vor: Das Glitzern des Wassers, die sanften Weinberge und der Blick auf alte Burgen. Und ja, optisch war es genau. Aber kaum hatte ich die erste Anhöhe erklommen, meldete sich mein unsichtbarer Gegenspieler: Der Wind.
Es war kein sanftes Lüftchen, sondern ein Gefühl, jemand würde mir direkt ununterbrochen ins Ohr pusten. Trotz der wärmenden Sonne war es ein echter Kampf gegen das Rauschen voranzukommen. Der Weg war technisch gut zu gehen mit vielen verschiedenen Gegebenheiten. Wiese, Asphalt, Schotter und sogar Kopfsteinpflaster wechselten sich ab. Die Höhenmeter verteilten sich dabei gut. Manche Wege in Hanglage waren etwas uneben und somit erschwerlicher. Doch wurde ich ständig mit neuen Blickwinkeln auf das Rheintal belohnt.
Kurz vor meinem Tagesziel überquerte sogar ein Fuchs meinen Weg und bescherte mir ein Lächeln, sodass sich Erleichterung in mir ausweitete. Dass ich die Strecke trotz des Gegenwinds so zügig geschafft habe, machte mich richtig stolz.
Das althistorische Städtchen Bacharach belohnte mich mit seiner Ruhe und Romantik. In den verwinkelt schönen Gässchen schien die Zeit still zu stehen. Von einem liebevoll eingerichteten kleinen Weingut mit Innenhof ließ ich mich einladen und fand ein Plätzchen zum Ankern. Alle Anspannung viel von mir ab und ich aß den besten Käsekuchen meines Lebens.
Nachdem ich meine Unterkunft von 12qm direkt an den Bahngleisen bezogen hatte, ließ ich den Tag in der Sonne sitzend am Rheinstrand mit einem Buch dann weiter ausklingen. In einem Restaurant mit großem Innenhof und Livemusik stärkte ich mich zu guter Letzt mit einer leckeren Portion Käsespätzle und frischen O-Saft.
Die Nacht war entgegen meinen Erwartungen erholsam. Auch nachts fuhren die Züge gefühlt durch mein Zimmer. Doch mein Körper forderte Erholung und Entspannung ein, sodass ich dies nach dem dritten Zug nicht mehr mitbekam.
Am nächsten Morgen freute ich mich auf ein stärkendes Frühstück. Ich bereitete genügend Proviant vor und packte 4 Liter Wasser ein. Floki und ich waren startklar und machten uns Punkt 9 Uhr auf unseren Heimweg.
Zuerst führte meine Route am Rheinufer entlang nach Oberdiebach. Das war ein flacher, großzügig breiter Weg für Radfahrer und Fußgänger, neben süß gestalteten Gartenanlagen und man hat hier viele Gelegenheiten, um direkt am Rheinufer zu verweilen. Ein schöner Ausflug mal mit der ganzen Familie und den Vierbeinern, dachte ich und markierte mir die Stellen bei Google Maps. Kurz bevor sich der Pfad steil wieder auf den Rheinburgenweg verabschiedete, passierte ich noch einen Spielplatz mit Weinstand, da wusste ich definitiv – ich komme wieder.
Nach den ersten 10km erkannte ich, dass diese Tour heute keine entspannte Wanderung wird. Es war keine Zeit, um die Natur und Aussichten zu genießen.
Und es gab viele schöne Stellen, um einmal mehr innezuhalten. Viele fordernde Aufstiege über Stock und Stein, zwischen moosbewachsenen Felsen und grünen Bäumen, durch die die Sonne so toll funkelte.
Doch war es ein Wettkampf. Ein Kampf mit mir in der Natur.
Man geht nicht mehr nur, man versucht durchzukommen. Und gleichzeitig ist es eine Achterbahnfahrt der Gefühle.
Eine Ablenkung durch Musik war für mich keine Option. Ich empfand es als entspannter, ganz bei mir zu bleiben und hinzuspüren.
Jedes Pausieren und jeder Halt bringen einen aus dem mühsam erkämpften Rhythmus. Jede Pause zehrt an der verbliebenen Kraft, anstatt welche zu schenken. Es kostet Zeit und Energie den Motor wieder zu starten. Und mit jedem neuen Losgehen spürt man seinen Körpern ein Stück intensiver.
In dieser Welt des Durchhaltens wurden kleine Dinge zu meinen Lebensrettern. Meine Laufstöcke waren treue Gefährten, zum Schluss für jeden Schritt. Mein Tape, womit ich vorsorglich meine Zehen vor dem Start abklebte, waren Gold wert und der neu zugelegte Blasenstick war meine Verteidigung gegen sämtliche Schmerzen durch Reibung. Das Mückenspray hielt mir die lästigen Viecher vom Hals, die zu einer echten Geduldsprobe werden können. Sogar die Wechselschuhe, die ich anfangs als unnötigen Ballast abgetan hatte, wurden zu einem Joker. Und zu guter Letzt meine Trinkblase, die mir erlaubte regelmäßig zu trinken und dabei im „Trott“ zu bleiben.
Am Ende mit dem Ziel so kurz vor der Nase, führte mich mein Weg nochmal nach oben auf den Bosenberg. Erschöpft oben angekommen und die letzten drei Kilometern im Visier, passierte einer der schönsten Momente meines Tages: Mein Mann kam mir entgegen.
Als ich ihn sah, veränderte sich die Last auf meinen Schultern. Die letzten Meter gemeinsam zu gehen, sich auszutauschen und die vertraute Nähe zu spüren, war eine riesige Belohnung für die vorangegangenen Strapazen.
Als ich schließlich nach neun Stunden und zwanzig Minuten und 40,04 Kilometern mein Zuhause erreichte, war ich nicht mehr dieselbe, die morgens in Bacharach aufgebrochen war. Eine lange Zeit allein mit mir, meinen Gedanken und meinem Willen. Erschöpfung und Schmerzen wurden Begleiter, denen ich versuchte, nicht viel Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Weg hatte mich gefordert, geschliffen und am Ende reich beschenkt. Das Gefühl des Triumphs über die eigenen Zweifel war unbeschreiblich.
Ohne den Rückhalt meiner lieben Familie und ohne die Unterstützung der großzügigen Spender für die TheMay50k Challenge, hätte ich das mental nicht geschafft.
Dazu zahlte sich körperlich die sorgfältige Vorbereitungszeit in den letzten Wochen aus.
Die Gassirunden mit 7kg schwerem Rucksack. Ausgewähltes Krafttraining und Mobilityübungen. Die intensive Fußpflege, um sie gegen Blasen zu schützen. Das überlegte Auswählen von Kleidung, Gepäck und Proviant, sowie die Routenplanung. Ich hatte einen Plan. Sonst wäre ich nicht ich.
Nun zwei Tage nach meiner Tour, bin ich unendlich stolz und glücklich, über die Leistung und Kraft meines Körpers. Ich habe eine kleine Blase am Zeh und meine Hüfte erinnert mich ein wenig an die Strapazen. Und dann muss ich schmunzeln, bei dem Gedanken, dass man schonmal neun Stunden Fahrt auf sich nimmt, um in den entfernten Urlaub zu fahren. Da bin ich eben mal neun Stunden gewandert, habe so viele Ortschaften und Wege erobert und dabei heutzutage teuren Sprit gespart. Mega Gefühl.
Unser Körper ist ein wahres Wunderwerk. Jeden Tag leistet er aufs Neue so großartige Arbeit. Höre auf seine leisen Zeichen und gib gut auf ihn acht. Dein Körper ist dein Zuhause.
Und einmal mehr zu spüren lernte ich den Spruch: Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.
















